Leseproben

Aus: Wild und heilsam von Insa Hilbers & Roswitha von der Graefe

Angelika – Engelwurz

 

Angelika, Angelika,
Du stehst auf meiner Wiese.
Dein Blütenduft weht in mein Haar,
ich will die Augen schließen.
Und träume dann,
Du kommst zu mir
und nimmst mir meine Angst.
Du bist so groß,
ich weiß genau,
dass Du das sicher kannst.
Im Herbst dann
nehme ich Dein Rohr
und schnitz mir eine Dose.
Da leg ich meine Ängste rein
und steck sie in die Hose.
Da sind sie dann
ganz nah bei mir,
sie sind mir wohl bekannt.
Die Dose aus Angelika,
die hat sie fest gebannt.
Angelika, Angelika,
Du bist so groß und schön.
Du hältst mir meine Seele warm,
mir kann nichts mehr geschehen.

 



Aus: Von guten Mächten sanft behütet. Erinnerungen einer Flucht aus Ostpreußen“ von Willi Chmielewski

(…) So ging der zehnte Tag der Flucht zu Ende. Es blieben die ängstlichen Gedanken: „Wie wird es wohl morgen sein?“ Heilsberg war die größte Stadt, die wir passieren mussten. In den Häusern für 15000 Einwohner hatten sich die Russen festgesetzt. Würden da auch richtige Straßenkämpfe entstehen? Nur kurz waren die Sorgen über den nächsten Tag, wir waren so müde, dass wir die Sorgen und den Hunger vergessen hatten und dank des Liegeplatzes unter dem Tisch, bald eingeschlafen waren.

Nachbetrachtung: Wir hatten keine Gelegenheit Radio zu hören. Hitler hatte zu seinem zwölften Jahrestag der Machtergreifung eine Rede gehalten, so als hätte er noch Macht. Diese für uns verlustreichen, traurigen Tage waren verhältnismäßig  klein und unbedeutend, gegenüber den Erlebnissen, die andere erleiden mussten. So geschah in dieser Nacht, in der Heinrich mit Willi unter dem Tisch (wohlbehütet) geschlafen hatte, die größte Schiffskatastrophe der Welt. In dieser Nacht war das mit Flüchtlingen überladene Schiff, die „Wilhelm Gustloff“, von einem russischen Unterseeboot torpediert worden. An der Unglücksstelle herrschte eisige Kälte und starker Schneesturm. (Es war wohl dasselbe fürchterliche Wetter gewesen, dass am 29. Januar im Heilsberger -Kessel getobt hatte.)   In wenigen Minuten sank das große Schiff mit den Flüchtlingen, die sich schon geborgen fühlten. Nur wenige wurden aus dem eiskalten Wasser mit Unterkühlung gerettet. Nach neusten Aufrechnungen starben bei dieser größten Schiffskatastrophe der Geschichte, 9343 Menschen, also  annähernd der zehntausend Menschen. Im Vergleich: bei dem legendären Untergang der Titanic – von dem mehr gesprochen wird – starben 1517 Menschen.

Wie groß muss die Engelschar sein, um allen in Not geratenen Menschen zu helfen?
In aller Stille gingen in unserem voll besetzten Raum fast alle Menschen schlafend in die Nacht hinein. Wir hörten auch den Kriegslärm nicht, der uns ständig durch einen Schusswechsel verschiedener Lautstärken  begleitet hatte.

Doch was war mit mir denn so plötzlich los? Ich wurde unruhig, - keiner ruft mich - keiner stößt mich an,-  und doch bin ich schlaftrunken wach. Ich richte mich ohne einen erkennbaren Grund auf. Es ist dunkel und ich sehe niemanden. – Hatte ich meinen Verstand verloren? Wie von einem unsichtbarem Geist getrieben, verlasse ich auf Knien kriechend die Schlafstelle unter dem Tisch, stehe auf und wandere in diesem dunklen überbelegten Zimmer,  ohne etwas anzuecken oder einen auf dem Fußboden liegenden Menschen zu treten,  zur Zimmertür. Ich musste wohl in diesem Augenblick ein anderes Augenlicht gehabt haben, ohne das gewöhnliche Tasten erreichte ich auch die Treppe und wahrlich mit Engelshilfe stieg ich diese in völliger Dunkelheit herunter.  Ich öffnete die Haustüre und stand nun in der kalten, verschneiten Winternacht draußen auf der Straße. – Warum das alles? Nun, eine Toilette zu suchen brauchte ich nicht, denn ein Körper, der zwei Tage nichts gegessen und nichts getrunken hatte, brauchte so etwas nicht! Die Hauptstraße, die vor mir lag, war menschenleer. Kein Wunder, denn es herrschte ein Stopp. Vor uns in Heilsberg war jetzt schon russisches Gebiet, da wollte niemand hin. Meine Augen gingen nach rechts gen Westen und sahen einen von einem Schimmelpferd gezogenen Kastenschlitten näherkommen.

Wie der Schlitten quer vor mir im ruhigen Schritt gezogen wurde, musterte ich nur diesen. Keine andere Bewegung lenkte mich davon ab. Etwas Besonderes hatte er schon, denn es war  ein Arbeitsschlitten zivilen Ursprungs (einen militärischen Schlitten habe ich noch nie gesehen). Hinter dem Schlitten war ein erbeutetes russisches schweres Maschinengewehr angebunden. Auf dem Schlitten saßen fünf deutsche Soldaten in Wintermänteln und Ohrenschützern. Und unter einer übergehängten Wolldecke lugte das schmale Gesicht unserer hübschen, siebzehnjährigen Nachbarin, Traute Lorenz heraus! Erstaunlich schnell erkannten wir uns gegenseitig und riefen uns zu. Traute hatte die Soldaten gebeten, anzuhalten. In aller Eile tauschten wir  unsere Schicksale aus. „Kommt doch mit“, rief Traute. Mit welcher Überzeugung die Soldaten Traute auf ihren Schlitten aus der Familie nahmen, lag auf der Hand. Die Soldaten ahnten von dem drohenden Schicksal der Flüchtlinge. Der Unteroffizier, der ihr im Kellerquartier von Samlak seine Liebe schwor, hatte sie aufgeklärt, in welcher Gefahr sie sich befand, und dass dies ihre letzte Rettung wäre.

 


Aus: Die Worterfinderinnen – Die nackte Wahrheit im pinken Bademantel

Mandela

 

Er lebt in allen, wenn wir alle unser Licht leuchten lassen. Dann geben wir anderen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir alle beginnen, aus uns dieses Licht der Ewigkeit hervor zu bringen, wird sich für uns etwas Grundlegendes ändern: Wir werden sehen lernen. Wir werden uns wahrnehmen. Wir werden uns erkennen als ewige Momente der fließenden Richtungen, in denen wir gemeinsam das Ganze erzeugen. Wir werden wissen, dass die Erscheinung der Dunkelheit nichts anderes als die Tiefen unserer eigenen Schönheit sind, aus der wir unsere liebevollen Ideen schöpfen, um neues Leben zu erschaffen. Wir werden spüren, dass der Raum uns geschenkt wurde, um Freiheit zu erfahren. Frei von Vergänglichkeit und Begrenzungen, frei von Hochmut und von Angst gebären wir alle dieses Licht, als Mütter und Väter des einen großen Geistes. In diesem Geist sind wir der Strom, der sich immerzu selbst hervor bringt.
Wenn wir leuchten, beginnen wir zu fühlen, dass alles, was wir anderen antun, uns selbst verletzt und jeder Moment, dem wir unsere Liebe schenken, wird ein Funken im Herzen unserer Schöpfung sein.
Von Ilka Luiken


Blattgeflüster


Oben, hoch oben blicke ich in die Weite. Ich bin still, ganz still, bewegungslos, ruhe schweigend. Vieles könnte ich erzählen von Tagen und Nächten, von rauen Zeiten und sanften Sonnenaufgängen. Ich habe zwei Seiten, bin dunkel und hell, glatt und rau, spitzig und rund, einfarbig und bunt. Bin schon alt, warte auf die nächste Phase, in der ich mich wieder verändere. Ein Wind kommt auf, ich beginne zu tanzen, flattere und schnattere.
Ich spende dir Schatten, wenn die Sonne zu heiß brennt. Ich sehe den Schein des Mondes, hell und klar und spüre den Regen, der mich erfrischt und reinigt. Aber jetzt muss ich gehen.
Ich beginne zu fallen, segle, taumle, schwebe anmutig zu Boden. Ich schrumpfe, werde bröselig und braun, verbinde mich mehr und mehr mit der Erde, bis ich wie sie bin.
Warte bis zum nächsten Jahr. Dann komme ich wieder. Zart und klein zunächst, langsam größer werdend, entfalte ich mich zu meiner vorbestimmten Form. Und das Leben beginnt neu.
Friesa Mintken


Aus: Tierisch weise – 7 Fabeln über Liebe, Licht und Herzenskraft

von Anita Balcke-Küster


…. Da geschah etwas Außergewöhnliches. Es fielen weiße Federn vom Himmel. Kleine, weiche, zarte Federn. Wenn man sie berührte, hatte man das Gefühl, der Himmel persönlich berühre einen. In diesem Moment wurde sich das Einhorn der Kraft, der es zugeteilt war, wieder bewusst. Es war ein Wesen des Himmels.
Über die große Verzweiflung des Einhorns legte sich ein "himmlischer Frieden". Es spürte, es war nicht allein.  Es war, als würde jemand es begleiten, ganz nah bei ihm sein und ihm Kraft geben. Da schloss es die Augen, atmete tief ein und aus und machte nichts weiter, als sich mit dieser himmlischen Kraft zu verbinden.
Über diese Verbindung kam die innere Ruhe zurück und die Erkenntnis, dass - wenn man vertraut - das Leben immer gut und göttlich für einen verläuft. Aber die wichtigste himmlische Botschaft war wohl, dass es im Leben nur einen Weg gibt, nämlich den des Herzens. Und so lebten das Einhorn und der Bär glücklich bis an ihr Lebensende.
Und die Weisheit der Geschicht: Vertraue der himmlischen Macht, welche über dich wacht, vertraue dem Licht, welches über dein Herz zu dir spricht!


Aus: Rusty packt aus. Die Welt aus Katzenaugen.

Von Fritz Stefan Valtner

Ratzfatz hatte ich den Zaun überwunden und lief so schnell wie ich konnte zum Anbau rüber. Den hatte ich noch nicht inspizieren können. Zum Glück stand die Tür zum Arbeitsraum etwas offen und ich flutschte hinein. Ich hatte Glück, dass mich keiner gesehen hatte. Jetzt konnte ich in aller Ruhe jeden Quadratzentimeter abgehen, ohne dass mich einer störte. Es gab viel zu entdecken. Dann stand ich vor einem Karton. He, den kannte ich. Den hatte ich doch schon einmal beschnuppert. Was war das? Der Deckel stand offen. Ich hangelte mich hoch und fiel dann in den Karton hinein. Er kippte um und fiel so unglücklich, dass ich nicht mehr heraus kam. Jetzt war ich gefangen. Gute Nacht! Wer soll mich jetzt hier finden?

 

Draußen tat sich nicht mehr sehr viel. Offensichtlich war mein Ziehvater mit dem Mähen des Rasens fertig. Ich hörte kein Motorengeräusch mehr. Dann wurde etwas hinein geschoben in den Raum, wo ich festsaß. Dann fiel die Tür schwer ins Schloss.


In meiner Aufregung hatte ich vergessen, mich bemerkbar zu machen. Jetzt war ich allein in dieser blöden Kiste eingesperrt. Zum Glück waren noch ein paar Kleidungsstücke im Karton.


Die legte ich mir zurecht  und machte es mir etwas gemütlich, in der zarten Hoffnung, dass bald einer kommt und mich aus dieser dummen Lage herausholt.

 

Aber scheinbar wurde ich nicht vermisst. Das gab es doch nicht! Die vermissten mich einfach nicht. Nach einer gefühlten Stunde zog ein feiner Geruch um meine Nase. Hatten die etwa den Grill angemacht, ohne auf mich zu warten? Ich wurde schon ganz wild in meinem Karton. Aber je mehr ich hier drin herum tobte, umso stärker schien er sich zu verkanten und dadurch wurde der Deckel immer stärker gedrückt, so dass er sich kaum mehr lösen konnte.


Plötzlich stieg mir der Geruch einer zarten Putenbrust in meine Nase. Mir lief das Wasser im Munde zusammen. Was mich jetzt wirklich wütend machte, war die Tatsache, dass meine Schwester, die Faulenzerin, jetzt von dieser zarten Putenbrust einen Happen nach dem anderen abbekommt, während ich hier schmachten musste. Ich versuchte so laut ich konnte zu miauen. Aber mehr als ein Krächzen bekam ich nicht heraus. Da kann ich nur neidisch auf meine Schwester schauen. Die kann stundenlang miauen und das in einer Lautstärke, die selbst die Kaffeemaschine übertönt. Die hört man überall. Aber ich? Ich kann das leider nicht. Oder bin ich einfach zu dumm dafür? Ich weiß nicht, was mir in diesen Minuten durch den Kopf ging.


Noch Stunden später zog mir der Duft der Putenbrüstchen durch die Nase. Waren die immer noch nicht fertig damit? Sollte ich hier verhungern und draußen merkt keiner, dass ich nicht anwesend bin? Eigentlich unfassbar. Es wurde schon langsam dunkel, dies konnte ich durch ein kleines Loch im Karton sehen.


Dann hörte ich, wie man mich rief. “Rusty, wo bist du? Wo ist denn unser Käztzelein?”  Wie blöd, ich war doch hier. Hier im Karton! Wo suchen die überhaupt? Plötzlich ging die Tür auf. “Rusty, bist du hier?” Bevor ich die Situation erfasst hatte und ein leichtes Krächzen hervor brachte, war die Tür schon wieder zu. War das alles? Von draußen hörte ich, dass man immerzu meinen Namen rief. Aber wie sollte ich antworten? Dann hörte ich zu allem Überfluss noch meine Ziehmama sagen: “Sie wird hoffentlich wieder kommen? Jetzt können wir nur noch abwarten.” „Toll“, dachte ich noch bei mir, „da sitzt du hier fest und die bekommen das nicht einmal mit.“ Es wurde eine lange Nacht.


Am nächsten Tag versuchte ich schon frühzeitig zu lauschen, ob sich bei denen schon etwas tat. Aber alles blieb still. Sollte ich etwas verpasst haben? Dann aber hörte ich, wie das Garagentor hochgefahren wurde. Ich hörte das Starten des Motors. Türen gingen auf, das Garagentor fuhr wieder runter. Der Motor heulte kurz auf und dann eine untrügliche Stille. Fahren die einfach weg? Das gibt es doch nicht. Keine Suche nach mir? Einfach nichts! Haben die mich schon abgeschrieben? Oder was? Ich spürte, wie in mir die Wut hochstieg, aber ich musste ja ruhig bleiben. Ich versuchte das Loch im Karton zu vergrößern. Aber das war ein sehr schwieriges Unterfangen.


Ich kam mir vor, als wäre ich in Fort Knox und versuchte dort auszubrechen. Eine meterdicke Mauer mit einem Teelöffel zu durchbrechen. Wahnsinn! Eine Aufgabe fürs Leben. Wie viele Leben habe ich schon hinter mir, dachte ich bei mir und machte noch eine Zeit weiter. Aber eine Vergrößerung des Loches konnte ich nicht feststellen. Ich legte eine Pause ein. Stunde um Stunde machte ich dann weiter. Aber einen Erfolg konnte ich nicht sehen. So verging wieder ein Tag. Eines aber plagte mich noch viel mehr, und das war der Hunger. Wenn ich da an den Duft der Putenbrüstchen von gestern dachte, lief mir das Wasser aber als Sturzbach im Munde runter. Jetzt hatte ich nicht nur Hunger unter den vier Achseln sondern auch noch Durst ohne Ende.


Ich kam mir vor, als würde ich schon wochenlang durch die Wüste Gobi laufen. Ich war mit den Nerven am Ende. Ich hörte schon Stimmen, die es gar nicht gab. Aber so sehr ich mich anstrengte, draußen war es absolut still. Keine Stimme, kein Auto, kein Quäken meiner Schwester. Wo waren die eigentlich? Hoffentlich kommen die bloß bald wieder zurück. Ich war schon der Verzweiflung nahe, oder konnte ich schon “dem Wahnsinn nahe“ sagen? Ich wusste es nicht. Verflixt und zugenäht, wo waren die nur? Die Zeit lief so langsam dahin, dass ich wirklich bald dem Wahnsinn nahe kam.


Nach Stunden, oder waren das schon Wochen gewesen, hörte ich ein Geräusch, das mich aufhorchen ließ. Kam mir bekannt vor. Ich hörte eine Klappe. War doch nur der Briefträger. Mensch, wo war die Dienerschaft bloß? Ich hänge hier fest, kann mich kaum bewegen und die streifen irgendwo in der Weltgeschichte umher. So ein verdammter Mist. Trotz meiner miesen Lage versuchte ich es mir so bequem zu machen, wie es die Umstände zuließen. Ich schlief ein.